Raus aus dem Gefängnis

Und dann erzählt man dir immer wieder, dass es gar keine Befreiung gibt, weil  es auch keine Bindung oder Gefangenschaft gibt. Gelesen hast du das womöglich auch schon einige Male. Vielleicht wirst du dich nun fragen, was dann der ganze Zirkus um die Selbst-Verwirklichung soll, wenn du doch schon immer frei warst und frei bist?

Meine Frage an dich: Fühlst du dich frei? Lebst du in Freiheit? Bist du nun verwirklicht, nur weil dir jemand erzählt hat, du wärest schon frei? Wohl kaum. Was also steckt dahinter? 

Stell dir vor, du sitzt in einer Zelle eines streng bewachten Gefängnisses. Wie du  dahin gekommen bist, daran kannst du dich nicht mehr erinnern –aber da sitzt du nun. Überall laufen grimmig dreinschauende Wächter herum, von denen erzählt wird, dass sie sofort zuschlagen oder schießen, wenn jemand auch nur den leisesten Versuch einer Flucht unternimmt. Von draußen hörst du in unregelmäßigen Abständen Schüsse. Man sagt dir dann immer: „Wieder einer, der zu fliehen versuchte!“

Und du siehst danach jeweils durch dein Zellenfenster, wie eine Bahre, auf der eine abgedeckte Leiche liegt, weggetragen wird. Keine rosigen Zeiten also, die du gerade durchlebst. Eines Tages entdeckst du in der Gefängnisbibliothek ein Buch, das dich fasziniert. Darin behauptet der Autor –vielleicht als Weiser oder Meister betitelt –, dass es gar kein Gefängnis gibt und dass das alles nur eine Show ist, die dir vorgespielt wird.

Er schreibt, dass deine Zellentür kein funktionierendes Schloss hat und die Wächter nur sehr geschickt programmierte und lebensecht geformte Roboter sind, die sich zwar scheinbar wie echte Wächter benehmen, aber dir niemals etwas tun werden. Weiter schreibt er, dass auch die Wächter im Außenbereich Roboter sind und die Schüsse nur mit einem Dummy-Gewehr abgefeuert werden. Und dass du jederzeit problemlos das vermeintliche Gefängnis verlassen kannst. Nichts wird dir geschehen.

Du bist fasziniert, suchst weiter in der Bibliothek und findest weitere Bücher mit ähnlichem Inhalt. 

Vielleicht besucht dich auch ein „Meister“ und erzählt das Gleiche. Dein Glaube  wächst. Doch wirst du es wagen, gleich loszustürmen und einfach auf Verdacht abzuhauen? Ich glaube kaum. Was wird oder könnte wohl mit oder in dir passieren?

Es könnte sein, dass du, nachdem dein Glaube und Vertrauen in das Gelesene gewachsen ist, vorsichtig an die Tür deiner Zelle gehst und nach einigen Malen zurückschrecken verstohlen versuchst, die Zellentür einen minimalen Spalt zu öffnen. Und du stellst mit Erstaunen fest, dass sie sich öffnen lässt. Doch was ist mit den Wächtern? Sie greifen nicht ein. Wieso? Weil es wahr ist, dass sie nicht echt sind? Sie sehen so echt aus. Dann kommen dir vielleicht Zweifel, wie beispielsweise: „Vielleicht haben diese Hunde nur die Tür offen gelassen und spielen ein Spiel mit mir. Wenn ich tatsächlich aus meiner Zelle fliehe, werden sie mich hinterrücks erschießen.

Vielleicht haben sie untereinander gewettet, wer den nächsten erschießen darf und mich dafürausgewählt?“ Es wird wohl eine Weile dauern und dir einige schlaflose Nächte bescheren (und einige Bücher mehr, die du zuvor noch lesen möchtest), bevor du es wagst. Und dann stellst du fest: Die tun alle tatsächlich nichts! Doch wieder kommen Zweifel. Schüsse hast du immer nur von draußen gehört. „Die werden mich erst abknallen, wenn ich über den Hof laufe. Das ist ein abgekartetes Spiel!“ Wieder verzögert sich deine Flucht. Bis du dir eines Tages sagst: „Tot oder frei, egal –Hauptsache weg von hier!“ Und dann rennst du los. 

Du stellst fest, dass es nicht knallt, dass dich auch niemand hindert und dass  selbst das Tor nach draußen nicht abgeschlossen ist. Nun bist du draußen, du bist frei! Ja, es stimmt, was geschrieben ist: Du warst nie wirklich gefangen und eingesperrt, du warst schon immer frei. Doch du wusstest es nicht und später konntest du es aus Angst vor dem Tod nicht sofort glauben. Erst als du den Tod mit in Kauf genommen hattest, war die vermeintliche Befreiung möglich. Alles war nur eine Riesen-Show!

Denk drüber nach!
Wenn es so wäre wie beschrieben, was würde das für Dein Leben bedeuten?

In Liebe

Elmar

Geschichte von Hermann R. Lehner aus seinem Buch "Potzblitz"

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